Kath. Kirchengemeinde Berlin-Marzahn

„Von der Verklärung des Herrn“

Impressum

Beim Betreten der Kirche durch den Haupteingang dominiert der Korpus des leidenen Christus den Eindruck des Betrachters. Dieser ist eine Leihgabe der katholischen Kirchengemeinde Berlin-Kaulsdorf und hatte eine bewegende Geschichte hinter sich, bis er in der Karwoche des Jahres 2000 in der Kirche: „Von der Verklärung des Herrn“ den Altarraum erreichte.

1930, im Jahr der Gründung des Bistums Berlin, wurde am 3. August die neu geschaffene katholische Pfarrkirche „St. Martin“ in Berlin-Kaulsdorf durch den ersten Bischof des Bistums, Dr. Christian Schreiber, geweiht. Für diese Kirche hatte der Bildhauer Hans Perathoner - geb. 1872 in Tirol, seit 1914 Professor an der Kunstgewerbeschule in Charlottenburg - innerhalb von wenigen Monaten den vier Meter hohen Korpus geschaffen. Dieser wurde mit einem Beil aus einem Eichenstamm herausgehauen und absichtlich rau und roh belassen. Gleichzeitig wurde auf eine Farbfassung verzichtet. Eine zeitgenössische Kritik schreibt: „in Agonie erstarrter Christus [...] in expressionistischer Form und Fassung“. In keiner Kirche Deutschlands gab es etwas Vergleichbares.

Der Korpus wurde, für jeden Kirchenbesucher sofort sichtbar, an der Rückwand des Altarraums der Kirche an einem aus Ziegelsteinen gemauertem Kreuz aufgehangen. Die durch den Korpus erzeugte Stimmung bildete einen starken Gegensatz zu dem durch kühle und sachliche Linien geprägtem Kirchengebäude.

Die expressionistische Darstellung polarisierte sehr stark. Während sich Kritiker von der „Missgestalt“ abgestoßen fühlten und ihre religiösen Gefühle verletzt sahen, sahen die Verteidiger in der Darstellung eine Aufforderung zum Mitleiden. Die monumentale Darstellung des Schmerzes und die Deformierung bedeutete für sie eine „religiöse Verinnerlichung“. Ihrer Meinung nach konnte so die abgegriffene und harmlos gewordene kirchliche Kunst zu einem neuen Leben erweckt werden, ganz in der Nachfolge der Maler El Greco und Matthias Grünewald.

Im Dezember 1930 suchte Bischof Dr. Schreiber die Pfarrkirche „St. Martin“ auf und bat um die Entfernung des Kreuzes. Der darauf folgende Briefwechsel im Jahr 1931 endete am 11. September 1931 mit der Durchsetzung der Kritiker. Das Kreuz wurde an diesem Tag abgebaut. Das ausschlaggebende Hauptargument war, dass die Darstellung aufgrund der drastisch und hässlich wirkenden Deformierung „darwinistisch“sei. Sie zeige den Menschen nicht als Ebenbild und Kunstwerk Gottes, sondern solle glauben machen, der Mensch stamme vom Affen ab.

Der abgebaute Korpus wurde aufbewahrt und hing zwischen 1964 und 1986 in der evangelischen Hoffnungskirche in Pankow. In der Karwoche 2000 wurde er dann im Altarraum der Pfarrkirche „Von der Verklärung des Herrn“ aufgehangen und damit ein neuer Versuch gestartet, mit diesem eindrucksvollen, aber auch nicht ganz leicht zu ertragenden Korpus des leidenen Christus umzugehen.
Bei einem ersten Blick schrickt der Betrachter vielleicht zurück, aber je länger er diese eindrucksvolle Darstellung betrachtet, umso stärker erkennt er: Die Darstellung des Korpus zeigt den am Kreuz Gemarterten als Mensch, der für uns Menschen übermenschliches Leid erduldet.

(Erstellt unter Zuhilfenahme einer Presseinformation von Dr. Christine Goetz, Kunsthistorikerin im Erzbistum Berlin)

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